Reise nach Utrechtopia

Nach pünktlicher Ankunft mit dem Zug treten wir aus dem Bahnhof – dem größten des Landes – auf den Bahnhofsvorplatz und blicken auf ein Heer von Radlerinnen und Radlern, die, wie von Geisterhand gelenkt, aus unterirdischen Tunnelsystemen hinausgleiten auf breite, rot markierte Fahrradstraßen.

Wo sind wir? Zeitreise ins Peking der achtziger Jahre? Oder im Traum, im utopischen Radler-Traum?

Nein, das ist nicht Traum, sondern Realität, nicht Utopie, sondern Utrecht, die viertgrößte niederländische Stadt, im Jahr 2023.

Wir verlassen den Bahnhofsbereich, doch auch in der Innenstadt ist der Radverkehr dicht, die wenigen Autos und Busse fahren sehr langsam, als Fußgänger hat man dennoch Mühe, im dichten Fahrradverkehr eine Lücke zu finden, um die Straße zu überqueren. Auch die Häuser und Autostraßen scheinen in Utrecht nur dazu da, um den Raum zwischen den zahllosen Radwegen und Fahrradstraßen auszufüllen. Die Innenstadt brodelt vor Leben; Leerstände sind keine erkennbar, obwohl (weil?) fast alle mit dem Fahrrad kommen.

Nachdem sich das anfängliche ungläubige Staunen über diese “verkehrte” Verkehrswelt (eigentlich ist unsere Autoverkehrswelt ja die verkehrte!) gelegt hat, fallen bei genauerer Betrachtung und etwas Recherche zum Radverkehr in Utrecht drei Dinge besonders ins Auge:

Erstens das durchgehende, weitverzweigte Netz baulich von der Autofahrbahn abgetrennter Radwege. Es ist in der Regel gefahrlos und entspannt möglich, sein Ziel auf dem Rad zu erreichen – auch für Kinder. Radfahrende teilen so gut wie nie den Platz mit den Autos. Die Radwege sind fast immer durch Bordsteine oder Grünstreifen von der Autofahrbahn abgetrennt und haben eigene Ampelanlagen. Lediglich in den verkehrsberuhigten Seitenstraßen teilen sich Autos und Räder den Platz, und der weite Platz vor dem Dom ist ein “shared space”: Radler und Fußgänger sind die eine Strömung, die wenigen Autos fahren langsam und vorsichtig. Das alles macht Radfahren sicher, entspannt und auch für die Menschen möglich, die sich nicht auf eine mit Autos geteilte Hauptverkehrsstraße trauen.

Der zweite Punkt, der mir beim Radeln durch Utrecht auffällt, ist das Fehlen jeglicher Kanten. An sämtlichen Kreuzungen werden Radwege entweder abgesenkt oder sind, neben der baulichen Abtrennung zur Fahrbahn, sowieso bereits auf gleicher Höhe wie die Autofahrbahn geführt. Das hat einen großen Effekt: es ruckelt beim Radeln nicht und der Komfortgewinn ist enorm! Ich gleite als Radfahrer über die Radwege und fühle mich mit meinem Verkehrsmittel in der Stadt willkommen.

Parken ist der dritte Punkt, der mir beim Radverkehr in Utrecht besonders ins Auge fällt. In der Innenstadt gibt es 12 Fahrradparkhäuser mit über 30.000 Stellplätzen. Am Eingang der meisten Utrechter Fahrradparkhäuser wird die Zahl der verfügbaren Plätze angezeigt. Außerdem existiert ein Parkleitsystem, das an den zentralen Radwegen in die Innenstadt die Auslastung der umliegenden Parkhäuser anzeigt. Besonders
beeindruckend ist das eingangs erwähnte große Fahrradparkhaus am Utrechter Bahnhof mit 12.500 Stellplätzen – das ist Weltrekord – in das man direkt hineinradeln kann bis zu seinem Stellplatz – also genauso, wie man es vom Auto kennt und gewohnt ist.

WIKIPEDIA schreibt zum Fahrradverkehr in Utrecht:
“Utrecht ist die Stadt mit dem weltweit höchsten Anteil fahrradnutzender Personen, über 50 % der Einwohner nutzen das Fahrrad, und in die Innenstadt, zur Schule oder zur Arbeit zu kommen” – hierzulande sind schon 15 Prozent modal split ein hoher Wert.
“In einer Einwohnerbefragung hat die Gemeinde Utrecht erhoben, dass nur 5% der Menschen das Auto benutzen, um in die Innenstadt zu kommen. Der Grund hierfür liegt in den weltweit führenden Ausgaben der Stadt für Radverkehr, pro Jahr gibt die Stadt 132 Euro pro Einwohner für Fahrradwege aus”.
In Deutschland sind es je nach Gemeinde 2-10 Euro per annum.
“Das Ziel der Gemeindeverwaltung ist die Zehn-Minuten-Stadt, in der Wohnen, Einkaufen und andere Aktivitäten so nah beieinander liegen, dass kein Weg länger als zehn Minuten dauert. Bereits heute werden in der Stadt 60 % aller Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt, 94% aller Haushalte besitzen ein Fahrrad. […]
“Die Brücken über den Amsterdam-Rijnkanaal haben neben Auto- und Busspuren auch breite Fahrradwege, um allen Verkehrsteilnehmern eine sichere Teilnahme am Verkehr zu ermöglichen. Das Netz in Utrecht wird weiter ausgebaut und insbesondere um Radschnellwege in die umliegenden Städte ergänzt”. […]

Auch das können wir bestätigen: nach einer – natürlich! – entspannten und komfortablen Radtour aus der Stadt hinaus ins Umland verlassen wir nach drei Tagen Utrecht wieder per Zug. Er ist wieder pünktlich, bis er in Deutschland ankommt und vor Osnabrück eine halbe Stunde wegen “technischer Probleme” zum Stehen kommt.

So wie die Verkehrswende in Deutschland insgesamt, wie es scheint. Dabei geht es anders, das haben wir in Utrecht gesehen.

Quellen:
Was Bonn von Utrecht lernen kann, 01.02. 2023
https://www.radentscheid-bonn.de/blog/tag/utrecht/ ; abgerufen 09.10. 2023

Die Rad-Megacity, Der Siegeszug des Fahrrads in Utrecht, 30.08. 2022
https:// TAZ.de ; abgerufen 09.10. 2023

Utrecht https://de.wikipedia.org/wiki/utrecht, abgerufen 09.10. 2023

Fotos: R. Schams


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Ein Kommentar

  1. Hallo liebe Leute!
    Toller Artikel! Hat uns so getriggert das wir für den Mai ’24 einen 5-tägigen Aufenthalt in Utrecht per Rad fest eingeplant haben! 🙂

    Daumen hoch – weiter so!
    Sonne in den Speichen
    VG
    Carsten
    P.S. Habe heute -endlich- einen link auf die Radverkehrswende-Website gesetzt 😉

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