Der ADFC fordert gerade wieder zur Teilnahme an seinem „Klimatest“ auf, bei dem die Bürgerinnen und Bürger die Fahrradfreundlichkeit ihrer Stadt oder Kommune beurteilen sollen. Beim letzten Durchgang 2024 belegte unsere zertifiziert „fahrradfreundliche Kommune“, mit der eher unbefriedigenden „Schulnote“ 3,92, den 45. Rang bei den Städten mit 50.000 bis 100.000 Einwohnern.
Da war offensichtlich noch viel Luft nach oben – aber geht da mehr, im Jahr 2026?
Die Verwaltung war ja durchaus nicht untätig in den letzten beiden Jahren – aber führen deren Maßnahmen für die Radfahrenden zu einem sichereren, befriedigenderen Gefühl?
Wie soll ich beim Klimatest antworten?
Um zumindest für mich Antworten zu finden, machte ich den – natürlich höchst subjektiven – Selbst-Versuch und protokollierte, was mir bei einer ganz normalen Fahrt quer durch unsere Stadt so widerfuhr: der Weg führte mich aus dem Klütviertel, wo ich wohne, zu einem Geschäft in der Oststadt und zurück. Hin und zurück knapp 7 Kilometer.
- Gleich anfangs fuhr ich durch das Kreuzfeld, wo ich links in die Weberstraße abbiegen musste. Dort gilt „rechts vor links“; von links aus der Weberstraße näherte sich ein Kfz, das noch nicht einmal ansatzweise die Fahrt verlangsamte und mir somit die Vorfahrt nahm. Okay, dann besser bremsen – kein großes Ding. Der Klügere gibt nach.
- Weiter ging es über den Breiten Weg zur Radfahrquere am Brückenkopf. Diese ist zwar eigentlich eine gute und gelungene Einrichtung, sie gibt aber immer noch, trotz mehrerer Eingaben und Proteste dagegen, dem Kfz-Verkehr grünes Licht bevor dies für den Radverkehr gilt – nicht nur eine unverständliche, sondern auch ein gefährliche Ungleichbehandlung.

- Danach über die Münsterbrücke (auf der mir ein geisterfahrender E-Roller-Fahrer entgegenkam) in die Mühlenstraße, an deren Ende von rechts die Hafenstraße einmündet. Der Radweg bis dorthin ist räumlich von der Fahrbahn getrennt – was sich an der Kreuzung als Nachteil erwies: statt, dem rot markierten Radweg folgend, gerade über die Kreuzung fahren zu können, kam ich erneut zum Stillstand, da eine Autofahrerin auf dieser Radspur wartete, um nach links in die Mühlenstraße abzubiegen. Meinen etwas entgeisterten Blick quittierte sie mit einer abfällige Geste im Sinne von „Hab Dich nicht so – ich muss schließlich über die Kreuzung!“ Aber immerhin soll hier bald ja ein Kreisel für Abhilfe sorgen.

- Weiter ging die Fahrt ohne größere Probleme auf dem Fußweg entlang der Ohsener Straße, den das schöne Schild „Radfahrer frei“ ziert. Hinter der Kreuzung Guter Ort, wo es eigentlich auf dem Fußweg dann wieder einen richtigen Radstreifen gibt, war es aber mit der freien Fahrt wieder vorbei, da ein Baustellenfahrzeug über die gesamte Breite des Weges Durchfahrt und Durchgang verwehrte. Kein Schild zeigte eine Umleitung oder Gefahrenstelle an – was es aber war, denn ich musste notgedrungen über einen hohen Bordstein auf die Straße ausweichen.
- Nun aber hatte ich meine Lieblings-Ost-West-Verbindung erreicht: den Dietzweg, den schönen Radweg entlang der Hamel. Leider ist dieser aber im Mittelteil gesperrt, was mir entfallen war, und dies mittlerweile seit Monaten (wieso dauert das eigentlich so lange?) – wodurch ich auf die vielbefahrene Fluthamelstraße ausweichen musste. Schade!

- Nach Erreichen des Ziels am Hastenbecker Weg fuhr ich fast die gleiche Strecke zurück; lediglich am Ende des Hamel-Radweges führte mich mein Weg über die Bürenstraße zum Ostertorwall, weil man dort problemlos auf die richtige rechte Seite der Münsterbrücke kommt.
- Da muss man aber erst mal hinkommen: obwohl der Ostertorwall selten viel befahren ist, wird man dort immer wieder auf dem Fuß-/Radweg von parkenden und rangierenden Autos gebremst – so auch gestern. Also erneut in die Eisen, und wieder die eher fordernde als entschuldigende Geste des Fahrzeuglenkers: „das muss jetzt so sein, und Du musst halt mal warten.“

- Und – natürlich – wiederholte sich vor der Auffahrt auf die Weserbrücke das Szenario vom Hinweg an der Hafenstraße: die ungeduldig auf ihr Abbiegen aus der Papenstraße auf die Brücke wartenden Kfz ließen keine Lücke für mich, den Radfahrer, den Schwächeren, der daher notgedrungen erneut bremsen und absteigen musste.
- Keine weiteren Vorkommnisse bis nach Hause – hinter der Brücke sah ich auf der Klütstraße zwar das mir sehr vertraute Zuparken des Bus-und Radstreifens vor der Bäckerei Mensing (der geräumige Parkplatz der Bäckerei befindet sich hinter dem Haus…) – aber ich fuhr da ja zum Glück auf der anderen Seite.

Das Ergebnis meines Selbstversuchs: ich werde im ADFC-Klimatest kaum bessere Bewertungen geben können als vor zwei Jahren! Zum einen gibt es nach wie vor Mängel in der Ausgestaltung, Kennzeichnung und Sicherung von Radwegen, vor allem aber ist das Klima (!) zwischen Rad- und Autofahrenden eher rauer, konfrontativer geworden. Eine Reihe von Autorfahrern zeigt große Ignoranz und Arroganz uns, den Radfahrenden, gegenüber. Von einem gleichberechtigten Miteinander sind wir noch immer weit entfernt.
So werden aus Autofahrern keine Radfahrer, eher umgekehrt, denn was bei diesen bleibt, ist nicht nur das Gefühl als Schwächere auch noch zusätzlich benachteiligt zu werden, sondern dabei auch noch ein höheres Risiko zu tragen. Wir müssen raus aus der Konfrontation und zu einem gedeihlichen Miteinander auf unseren Straßen und Wegen kommen. Und dafür braucht es Einsicht und Toleranz nicht nur bei der Verwaltung, sondern auch bei allen Verkehrsteilnehmern.
