Unfälle von Radfahrenden ohne Beteiligung eines Unfallgegners – sogenannte Alleinunfälle – gewinnen zunehmend an Bedeutung. Sie stellen mit ca. 30 % einen erheblichen Anteil an Radverkehrsunfällen dar. Grund genug, dass sich der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft GDV mit dem Thema auseinandergesetzt hat. In einer Studie der Unfallforschung der Versicherer werden die unfallbegünstigenden Faktoren identifiziert und Handlungsempfehlungen ausgesprochen.
Worum geht es?
Die Zahl der Alleinunfälle hat sich seit der Jahrtausendwende von 10.140 auf 27.394 nahezu verdreifacht. Der Anstieg kann mit der Zunahme der Radverkehrsleistung und der verstärkten Nutzung von Pedelecs erklärt werden.

Dabei ist die Dunkelziffer hoch, da viele leichtere Unfälle polizeilich oder behördlich nicht gemeldet werden und damit nicht in die Unfallstatistik eingehen. Um dennoch ein umfassendes Bild zu erhalten, haben die Verfasser der Studie nicht nur Polizeistatistiken ausgewertet, sondern auch eine Online-Befragung unter verunglückten Radfahrenden durchgeführt. Darüber hinaus wurden vertiefende Interviews mit Betroffenen sowie sogenannte „Straßenraumanalysen“ durchgeführt, um typische Unfallabläufe anhand unfallbegünstigender Infrastrukturmerkmale abzuleiten.
Ist der Mensch das (alleinige) Problem, wie der Begriff „Alleinunfall“ nahelegt?
Die Verfasser der Studie haben verschiedene unfallbegünstigende Faktoren identifiziert:
- Mensch: An erster Stelle werden laut Polizeistatistik unangepasste Geschwindigkeiten (29,4%) genannt sowie fehlerhaftes Fahrverhalten (19,6%) wie falsches Bremsen sowie Alkoholkonsum (ca. 16,7%).
- Infrastruktur: Bordsteine und Straßenbahnschienen sind die häufigsten Unfallursachen. Reduzierte Griffigkeit (nasse, glatte, Laub- oder eisbedeckte Oberflächen) ist ebenfalls ein wesentlicher Faktor, der mit ca. 50% der befragten Fälle den größten Anteil ausmacht.
- Radtyp: Pedelec-Alleinunfälle zeichnen sich durch einen höheren Anteil schwerer Verletzungen (höhere Geschwindigkeiten, höheres Gewicht) in allen Altersgruppen aus.
Was ist zu tun?
Ziel der Studie ist auch, durch die Reduzierung potenziell unfallbegünstigender Faktoren mehr Sicherheit für Radfahrende zu schaffen. Daher sprechen die Verfasser der Studie folgende Handlungsempfehlungen aus:
- Nutzerverhalten: Aufklärung über angepasste Geschwindigkeit, Vermeidung von Alkohol, Fahrsicherheitstraining – insbesondere für Pedelec-NutzerInnen.
- Infrastruktur: Absenkungen von Bordsteinen, Vermeidung spitzer Anfahrwinkel; ausreichender Abstand zwischen Radweg und Straßenbahnschienen; regelmäßige Reinigung und Pflege der Radwegeoberflächen, Winterdienst, Beseitigung von Wurzel- und Schlaglochschäden.
- Monitoring: Erfassung von polizeilich nicht erfassten Alleinunfällen (etwa über Krankenhäuser) sowie Nutzung der Daten für die Verkehrsplanung und das Verkehrssicherheitsmanagement.
- Öffentlichkeitsarbeit: Kampagnen zum sicheren Umgang mit der Infrastruktur (Bordsteine, Schienen); Verhaltensregeln (angepasste Geschwindigkeit, Alkohol), insbesondere für Fahranfänger.
Fazit
Alleinunfälle von Radfahrenden mit Personenschaden werden vor allem durch menschliches Fehlverhalten und durch eine mangelhafte Radinfrastruktur verursacht. Der wachsende Anteil an Pedelecs erhöht das Risiko schwerer Verletzungen. Durch Infrastrukturmaßnahmen, Aufklärung und eine umfassende Datenerfassung können solche Unfälle deutlich reduziert werden.
Quelle
… und was ist mit Hameln?
Drei Beispiele für „unfallbegünstigende Faktoren“ im Zusammenhang mit der Infrastruktur zeigen, dass das Risiko von Alleinunfällen für uns in Hameln nicht abstrakt ist:
Straßenbahnschienen
Im Jahr 2013 verunglückte eine Hamelnerin im Kirnitzschtal tödlich, als sie mit ihrem Rennrad in die Straßenbahnschienen geriet, stürzte und von einem nachfolgenden LKW überrollt wurde.

Nun gibt es in Hameln keine Straßenbahn, wohl aber eine Betriebsbahn, die die Straße „Guter Ort“ in einem spitzen Winkel schneidet. In den vergangenen Jahren kam es hier immer wieder zu Stürzen. Daher sollen im Juni Gummieinbauten in die Schienen eingelassen werden, um weitere Fahrradunfälle zu vermeiden (s. Pressemitteilung der Stadt).
Pfosten und Poller
Pfosten und Poller sollen das Befahren des Radwegs durch Kfz und LKWs verhindern. Sie stellen für Radfahrende ein nicht unerhebliches Unfallrisiko dar, da die Gefahr besteht, sie zu übersehen (aufgrund von Unaufmerksamkeit, Ablenkung oder Kolonnenfahrten).

Der Autor selbst kam bei seiner Tour durch Deutschland im Jahr 2021 durch einen übersehenen Pfosten zu Fall. Es blieb bei leichten Schäden am Rad.
Reduzierte Griffigkeit der Oberflächen
Häufig ist die Griffigkeit von rot markierten Feldern bei Nässe stark herabgesetzt. Ein Freund berichtete von seiner Rutschpartie im vergangenen Jahr beim Abbiegen von der Pyrmonter Straße auf den Uferradweg. Auch dieser Sturz verlief zum Glück glimpflich.

Jeder Radfahrende, der sein Rad ganzjährig nutzt, konnte im vergangenen Winter mit wochenlangem Schnee und Eis erleben, wie Radwege gar nicht (etwa in den Ortsteilen) oder erst spät geräumt wurden. Abseits der Radwege, in den Nebenstraßen der Kernstadt, wurde teilweise ebenfalls nicht geräumt. Dort bildeten sich häufig Eispisten durch festgefahrenen Schnee, die ein hohes Sturzrisiko darstellten.
